Zwei Jahre lang bin ich Bus gefahren. Man lernt in diesem Job niemanden wirklich kennen – die meisten Fahrgäste steigen ein, steigen aus, ein Nicken, vielleicht ein "Grüezi". Aber man sieht Gesichter. Und manche Gesichter sieht man oft genug, dass einem etwas auffällt.
Eine Frau ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Ich hatte mitbekommen, dass sie Ukrainerin war – man hört solche Dinge, ohne es zu wollen, ein paar Worte am Telefon, ein Wortfetzen im Gespräch mit ihrem Kind. Als sie das nächste Mal bei mir vorne ausstieg, habe ich "Priwet" gesagt. Nicht viel, nur ein Wort. Sie hat sich überrascht umgedreht, kurz gelächelt, und "Priwet" zurückgesagt.
Beim nächsten Mal ist sie vorne eingestiegen und hat mich schon mit "Priwet" begrüsst. Ich habe dasselbe geantwortet. Und so hat sich, über mehrere kurze Fahrten hinweg – viel Zeit hat man als Buschauffeur ja nicht – langsam ein kleines Gespräch entwickelt. Ein paar Sätze hier, ein paar Sätze da.
So habe ich nach und nach erfahren: Sie war eine russischsprachige Ukrainerin. Ihr Haus hatte sie verloren. Die Kinder hatte sie mitnehmen können – ihren Mann nicht. Sie arbeitete putzend in einem Restaurant, auch wenn ihr das, gesundheitlich und seelisch belastet wie sie war, sichtlich schwerfiel. Sie vermisste ihre Angehörigen, die sie zurückgelassen hatte oder von denen sie getrennt worden war. Und die Apps, die eigentlich verbinden sollten – Internetverbindungen, die nicht mehr zuverlässig funktionierten, Anrufe, die abbrachen –, machten sie mit der Zeit nur noch einsamer, nicht weniger.
Was mich an dieser Begegnung bis heute beschäftigt: Sie hatte alles, was man ihr an Hilfe geben konnte. Eine Unterkunft. Finanzielle Unterstützung. Man hatte sich um sie gekümmert, im praktischen Sinn. Und trotzdem sass in diesem Bus eine Frau, die tieftraurig war – nicht, weil ihr etwas fehlte, das man ihr hätte geben können, sondern weil ihr niemand zuhörte. Weil zwei, drei Sätze mit einem fremden Busfahrer, der zufällig ein einziges russisches Wort kannte, offenbar mehr echten Kontakt bedeuteten als alles andere in ihrem Alltag.
Materielle Hilfe und echte Nähe sind zwei verschiedene Dinge
Das ist, glaube ich, das, was in der öffentlichen Debatte um Geflüchtete oft übersehen wird. Man denkt in Unterkünften, in Integrationskursen, in Sozialleistungen – und das ist wichtig, keine Frage. Aber keine dieser Massnahmen beantwortet die Frage, die vermutlich jeden Abend bleibt: Mit wem rede ich heute wirklich, über das, was mich innerlich beschäftigt?
Bei dieser Frau kam eine zusätzliche Mauer dazu, die es bei den anderen Geschichten, die ich hier schon erzählt habe, nicht gab: die Sprache selbst. Auch wenn sie sich mit der Zeit auf Deutsch verständigen konnte – für ein wirkliches Gespräch, für Nuancen, für das, was man sagen will und nicht nur das, was man sagen kann, reicht das oft nicht. Man bleibt an der Oberfläche, selbst wenn man wollte, tiefer zu gehen.
Was ich mir seitdem wünsche
Ich habe diese Frau nicht retten können, und das war auch nie meine Aufgabe – ich war nur ihr Busfahrer, für ein paar Minuten am Tag. Aber die Begegnung hat mir gezeigt, wie viel zwei Worte in der eigenen Sprache bedeuten können, wenn sonst niemand da ist, der sie versteht.
Genau da setzt Romera an: ein Ort, an dem Sprache keine Mauer mehr sein muss, weil Live-Übersetzung ein echtes Gespräch möglich macht – unabhängig davon, ob die eine Seite schon gut Deutsch spricht oder die andere kein Wort Russisch kann. Nicht als Ersatz für die Menschen, die jemand verloren hat. Aber als ein Ort, an dem wenigstens das eine fehlende Stück – ein echtes Gespräch, in der eigenen Sprache – nicht auch noch fehlen muss.