Zwei Jahre lang bin ich Bus gefahren. In diesem Beruf lernt man die meisten Fahrgäste nicht wirklich kennen. Sie steigen ein, sie steigen aus – ein Nicken, vielleicht ein „Grüezi“. Aber man sieht Gesichter. Und manche Gesichter sieht man oft genug, dass einem etwas auffällt.
Eine Frau ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Ich hatte mitbekommen, dass sie aus der Ukraine kam und Russisch sprach. Als sie das nächste Mal vorne ausstieg, sagte ich „Priwet“. Nicht viel, nur ein einziges Wort.
Sie drehte sich überrascht um, lächelte kurz und antwortete ebenfalls mit „Priwet“.
Beim nächsten Mal stieg sie vorne ein und begrüsste mich bereits auf Russisch. So entwickelte sich über mehrere Fahrten hinweg ein kleiner Kontakt: ein paar Worte hier, ein kurzer Satz dort. Mehr Zeit bleibt einem Buschauffeur während der Fahrt nicht.
Mit der Zeit erzählte sie mir, dass ihr Neuanfang in der Schweiz nicht einfach war. Mehr von ihrer persönlichen Geschichte gehört nicht in einen öffentlichen Artikel. Entscheidend war für mich etwas anderes: Ein einziges vertrautes Wort hatte aus zwei fremden Menschen für einen Moment zwei Menschen gemacht, die einander wahrnahmen.
Ein Gespräch beginnt manchmal sehr klein
Ein „Hallo“ löst keine schwierige Lebenssituation. Es ersetzt keine Familie, keine Freundschaft und keine professionelle Unterstützung. Aber es kann zeigen: Jemand sieht mich. Jemand versucht, mich zu verstehen.
Bei einer fremden Sprache entsteht zusätzlich eine unsichtbare Grenze. Man kann sich vielleicht im Alltag verständigen, aber nicht unbedingt das ausdrücken, was man wirklich sagen möchte. Nuancen, Erinnerungen und Gefühle bleiben leichter unausgesprochen.
Diese Begegnung hat mir gezeigt, dass Übersetzung allein noch keine Verbindung schafft. Sie kann aber eine Tür öffnen, durch die ein echtes Gespräch überhaupt erst möglich wird.
Was davon bei mir geblieben ist
Ich war nur ihr Busfahrer und begegnete ihr jeweils für wenige Minuten. Trotzdem erinnere ich mich bis heute an ihr überraschtes Lächeln nach diesem einen russischen Wort.
Genau darin liegt für mich die Idee von Romera: Menschen sollen in ihrer eigenen Sprache schreiben können und trotzdem miteinander ins Gespräch kommen. Nicht, weil eine Plattform Nähe ersetzen könnte, sondern weil ein verständlicher erster Satz manchmal der Anfang einer Verbindung ist.