Ich habe in den letzten Wochen drei Geschichten aufgeschrieben. Frankfurt, vor dreissig Jahren, ein einziger durchzechter Abend als einziger Kontakt in einem halben Jahr. Eine Frau im Bus, die zwei Jahre lang niemanden hatte, der ihr wirklich zuhörte, bis ein einziges russisches Wort etwas aufbrach. Und meine eigene, aktuellere Geschichte aus Zürich, wo Kollegen und Nachbarn da sind – und trotzdem niemand zum Reden.

Bei all diesen Geschichten stellt sich eine ehrliche Frage, der ich nicht ausweichen will: Würde ein Videogespräch mit einer fremden Person auf Romera diese Einsamkeit wirklich lösen?

Nein. Nicht wirklich. Nicht so, wie ein echter Freund sie lösen würde, der einen über Jahre kennt. Nicht so, wie die Familie, die man vermisst, es könnte. Nicht so, wie ein Nachbar, der irgendwann einfach vorbeikommt, weil man sich schon oft genug gesehen hat, um sich zu mögen.

Das Ziel bleibt das persönliche Gespräch

Ich will hier nichts schönreden: Das eigentliche Ziel, das jeder Mensch verdient, ist echte, gewachsene Nähe. Menschen, die einen im echten Leben kennen. Ein Kaffee mit jemandem, den man schon oft gesehen hat. Eine Nachbarschaft, in der man sich nicht mehr vorstellen muss. Das kann und will keine Plattform der Welt ersetzen – auch Romera nicht.

Aber die Alternative ist oft nicht „echte Nähe“ – sie ist gar nichts

Und genau hier liegt der Punkt, um den es mir eigentlich geht. Bei der Frau im Bus war die Alternative zu unserem kurzen Gespräch nicht ein besseres, tieferes Gespräch mit jemand anderem. Die Alternative war: gar keins. Bei mir in Frankfurt war die Alternative zum "Äpelwoi"-Abend nicht ein näherer, ehrlicherer Kollegenkreis. Die Alternative war: sechs Monate praktisch ohne echten Kontakt.

Ein Gespräch auf Romera – mit einem Menschen, den man vorher nicht kannte, über ein Thema, das einen gerade bewegt, in der eigenen Sprache – ist kein Ersatz für echte, gewachsene Beziehungen. Aber es ist auch kein Nichts. Es ist der Unterschied zwischen einem Abend allein vor dem Fernseher und einem Abend, an dem wenigstens einmal jemand wirklich zugehört hat.

Warum ich das offen sage, statt es zu verschweigen

Ich könnte hier auch schreiben, Romera sei "die Lösung gegen Einsamkeit". Das wäre einfacher zu vermarkten, klingt griffiger. Aber es wäre nicht ehrlich, und ich glaube, genau das würde dem Thema nicht gerecht. Einsamkeit ist zu ernst, um sie mit einem einzigen Versprechen kleinzureden.

Was ich stattdessen sagen will: Ein Gespräch ist eine Notlösung. Aber eine gute Notlösung ist immer noch besser als gar keine. Und manchmal – wie bei der Frau im Bus, wie vermutlich bei mir selbst in Frankfurt, wenn es Romera damals schon gegeben hätte – ist genau dieses eine Gespräch der erste Schritt zu etwas Grösserem. Nicht, weil eine App das leisten kann. Sondern weil ein Mensch, der einem zugehört hat, einen manchmal genau so weit trägt, dass der nächste Schritt – ein echtes Treffen, eine echte Freundschaft – überhaupt erst möglich wird.

Besser ein Gespräch als keins. Das ist kein grosses Versprechen. Aber es ist ein ehrliches.