Warum Russland für mich zuerst Musik war
Manchmal beginnt die Neugier auf ein Land nicht mit einer Reise. Manchmal beginnt sie mit einem Lied.
Russland war für mich zuerst kein Land auf einer politischen Landkarte. Es war Musik.
Da war «Rasputin» von Boney M. – rhythmisch, dramatisch und kaum zu überhören. Da war «Moskau» von Dschinghis Khan, mit seinem grossen Refrain und diesem farbenfrohen, fast märchenhaften Bild einer fernen Stadt. Dann Ivan Rebroff mit dem «Wolgalied» und seiner aussergewöhnlichen Stimme. Und auch Heintje mit «Abendglocken».
Diese Lieder erzählten mir nicht, wie Russland wirklich war. Aber sie weckten Bilder: von weiten Landschaften, tiefen Stimmen, alten Kirchen, mächtigen Chören und einer Kultur, die zugleich fremd und vertraut wirkte.
Die Don Kosaken in Rümlang
Irgendwann zwischen 2006 und 2010 hörte ich einen Don-Kosaken-Chor in der Kirche von Rümlang.
Geblieben sind mir zunächst die Sänger selbst: ihre typischen Kleider, die Stiefel und ihre eindrucksvolle Erscheinung. Doch vor allem waren es ihre Stimmen. Manche reichten erstaunlich hoch, andere kamen aus einer Tiefe, die man nicht nur hörte, sondern beinahe körperlich spürte.
Dazu kam die Akustik der Kirche. Die Stimmen erfüllten den ganzen Raum, stiegen nach oben, kamen von den Wänden zurück und verbanden sich zu etwas, das sich kaum in einzelne Töne zerlegen liess.
Es war nicht einfach ein Konzert. Es war eine einmalige Stimmung.
Für eine Weile schien die Kirche in Rümlang mit einer weit entfernten Welt verbunden zu sein. Nicht durch eine Erklärung und nicht durch eine politische Diskussion, sondern allein durch Stimmen und Musik.
Bilder sind nicht die Wirklichkeit
Natürlich zeigen solche Lieder und Auftritte kein vollständiges Bild eines Landes.
«Rasputin» ist Popmusik. «Moskau» ist eine farbenfrohe Inszenierung. Auch Kosakenkleidung, tiefe Männerstimmen und romantische Bilder der Wolga erzählen nur einen kleinen Teil einer viel grösseren und widersprüchlicheren Wirklichkeit.
Doch vielleicht müssen erste Bilder gar nicht vollständig sein. Vielleicht genügt es zunächst, dass sie etwas in uns öffnen: Neugier, Aufmerksamkeit oder den Wunsch, mehr zu erfahren.
Musik kann ein Land nicht erklären. Aber sie kann eine Tür öffnen.
Ein Land besteht aus Menschen
Heute ist es kaum möglich, über Russland zu sprechen, ohne dass die Politik mitschwingt. Sie gehört zur Wirklichkeit und darf nicht ausgeblendet werden.
Aber ein Land besteht nicht nur aus seiner Regierung. Es besteht auch aus Menschen, Familiengeschichten, Erinnerungen, Gedichten, Redewendungen und Liedern. Menschen dürfen nicht auf politische Entscheidungen reduziert werden, auf die sie vielleicht überhaupt keinen Einfluss haben.
Gerade deshalb interessieren mich Sprachen und die Geschichten hinter ihnen. Ein russisches Sprichwort kann manchmal mehr über das alltägliche Denken und Empfinden erzählen als eine Schlagzeile. Ein Lied kann eine Erinnerung bewahren. Und ein Gespräch kann aus einem abstrakten Land wieder einzelne Menschen machen.
Was Musik in uns zurücklässt
Wenn ich heute an Russland denke, höre ich deshalb nicht nur Nachrichten.
Ich erinnere mich auch an Boney M., an «Moskau», an Ivan Rebroff und an «Abendglocken». Und ich erinnere mich an die Sänger in der Kirche von Rümlang: an ihre Kleider und Stiefel, an die hohen und tiefen Stimmen, an die besondere Akustik und an diese einmalige Stimmung.
Vielleicht begann meine Neugier auf Russland genau dort – nicht mit dem Anspruch, ein ganzes Land zu verstehen, sondern mit dem Staunen über etwas, das mich berührte.
Manchmal beginnt eine Verbindung nicht mit den richtigen Worten.
Manchmal beginnt sie mit einem Klang.
Und du?
Welches Lied oder welches Konzert hat dir ein Land nähergebracht, lange bevor du einen Menschen von dort kennengelernt hast?
Lieber erst für dich aufschreiben? →