Frankfurt, vor dreissig Jahren. Ich war für ein halbes Jahr für die Allianz Versicherung dorthin versetzt worden – eine dieser Gelegenheiten, die man nicht ausschlägt, wenn man jung ist und Karriere machen will. Neue Stadt, neues Büro, ein möbliertes Zimmer, das nie wirklich nach Zuhause aussah, egal wie ich die wenigen Bilder aufstellte.

Tagsüber lief alles wie am Schnürchen. Ich kannte den Weg vom Bahnhof ins Büro, kannte meinen Schreibtisch, kannte die Gesichter meiner Kollegen – zumindest so gut, wie man Gesichter eben kennt, die man in der Kaffeepause grüsst. Zum Mittagessen gingen die anderen in Gruppen los, ich hatte fast immer einen Grund, nicht mitzugehen: zu viel zu tun, eine Kleinigkeit von gestern Abend, die ich noch aufessen musste, ein Anruf, der gerade reinkam. Am Freitagabend, wenn die anderen noch ein Bier tranken, um die Woche ausklingen zu lassen, sass ich meistens schon im Zug oder im Flieger nach Hause.

Und abends, in diesem möblierten Zimmer? Da war sie, die Einsamkeit, die man tagsüber ganz gut wegdrücken kann, wenn man beschäftigt ist – aber nicht, wenn der Fernseher das Einzige ist, das noch redet. Die Nachbarn hatte ich genau einmal gesehen, als ich mich vorgestellt hatte. Sie waren so überrumpelt von diesem fremden Menschen vor ihrer Tür, dass ich das Gespräch selbst abgekürzt und mich zurückgezogen hatte. Danach: nie wieder.

Ich erinnere mich, wie ich mir manchmal gewünscht habe, einfach mit irgendjemandem zu reden – über das aktuelle Weltgeschehen, über die Geschichte des Römischen Reichs, über gar nichts Besonderes. Hauptsache, ein echtes Gespräch, nicht nur "Hallo, wie geht's" in der Kaffeepause. Aber wo sollte ich in dieser fremden Stadt jemanden finden, mit dem das einfach so passiert?

Und heute?

Andere Stadt, andere Lebensphase – aber wenn ich ehrlich bin, könnte ich diese Geschichte fast eins zu eins nochmal erzählen. Diesmal spielt sie in Zürich statt Frankfurt. Die Kisten sind noch nicht ganz ausgepackt, aber das ist nicht weiter schlimm. Ich kenne den Weg vom Flughafen in die Stadt und zu meiner neuen Adresse, ich kenne das Büro – mehr von Zürich kenne ich noch nicht. Die Kaffeepause am Vormittag ist der einzige verlässliche Kontakt zu meinen neuen Kollegen. Zum Mittagessen bin ich schon ein paar Mal eingeladen worden, musste aber absagen – zu viel Arbeit, oder ich hatte mir den Rest vom letzten Abendessen mitgenommen und wollte ihn nicht wegwerfen. Und Freitagabend? Da nehme ich lieber den frühen Flieger zurück nach Berlin, statt bis zum Feierabendbier zu bleiben.

Die Nachbarn habe ich, ganz ähnlich wie damals in Frankfurt, genau einmal gesehen. Auch sie waren überrumpelt, auch dieses Gespräch habe ich schnell wieder beendet.

Dreissig Jahre, ein technologischer Umbruch, den sich damals niemand hätte vorstellen können – Smartphones, soziale Netzwerke, eine Welt, die angeblich enger zusammengerückt ist. Und trotzdem: dasselbe Gefühl, abends allein auf der Couch, vor dem Fernseher, mit der gleichen Frage im Kopf wie damals – wie soll ich hier jemanden kennenlernen?

Was sich all die Jahre nicht geändert hat

Es liegt nicht daran, dass ich – oder du – ungesellig sind. Es liegt auch nicht an der Stadt, nicht an "kalten Zürchern" oder distanzierten Frankfurtern. Es liegt an etwas viel Einfacherem: Die Gelegenheit für ein echtes Gespräch entsteht in dieser Lebensphase einfach nicht von selbst. Man kann nicht ständig die alten Freunde in der Heimat anrufen, ohne dass sie sich Sorgen machen, ob man wirklich glücklich ist mit der Entscheidung, wegzuziehen.

Was fehlte, war nie der Wille. Was fehlte, war ein Ort, an dem echte Gespräche einfach passieren können – ohne dass man erst wochenlang Kollegen kennenlernen oder zufällig freundliche Nachbarn treffen muss.

Was heute anders ist

Der grosse Unterschied zwischen Frankfurt vor dreissig Jahren und Zürich heute ist nicht die Stadt – es ist, dass es inzwischen tatsächlich einen Ort gibt, der genau dieses Problem löst. Romera bringt Menschen zusammen, die einfach reden wollen – über die Themen, die einen bewegen, in der eigenen Sprache, ohne Umwege über Wochen des Kennenlernens. Kein Swipen, kein Algorithmus, der entscheidet, wer zu wem passt – nur echte Menschen, die auf dasselbe warten wie ich damals in Frankfurt: ein Gespräch, das einen nicht allein lässt.