Kurz bevor in Stockholm der Literaturnobelpreis vergeben wird, habe ich in den Schaffhauser Nachrichten eine Geschichte gelesen, die mich nicht mehr loslässt. Ob sie sich genau so zugetragen hat, weiss niemand sicher. Aber sie sagt viel.

Mitte der Sechzigerjahre reisten Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt zusammen nach Venedig. Zwei Freunde, zwei Rivalen, beide längst berühmt. Am Morgen, an dem der Preis bekanntgegeben wurde, verliessen sie angespannt das Hotel, jeder in eine andere Richtung. Und beide schlichen, so erzählte es Frischs Partnerin später, heimlich zu einem Kiosk, um zu erfahren, wer gewonnen hatte. Es war keiner von ihnen.

So blieb es ihr Leben lang. Allein bis 1975 wurde Frisch 25 Mal für den Nobelpreis vorgeschlagen, Dürrenmatt sogar 30 Mal. Beide starben ohne ihn. Die Schweiz hat bis heute nur zwei Literaturnobelpreise: Carl Spitteler 1919 und Hermann Hesse 1946.

Was mich an der Geschichte berührt, ist nicht der Preis. Es ist das Bild der beiden Männer. Sie hätten zusammen zum Kiosk gehen können. Sie hätten sich gemeinsam freuen oder gemeinsam enttäuscht sein können. Stattdessen ging jeder allein, mit seiner Hoffnung und seiner Angst.

Dürrenmatt gab sich spöttisch. In einem seiner Theaterstücke lässt er einen Nobelpreisträger sagen, wer von der Gesellschaft umarmt werde, sei schon verdorben. Frisch war ehrlicher und zugleich witziger. In einem Brief schrieb er sinngemäss, ohne Nobelpreis möchte er lieber gar nicht sterben. Zwei Arten, mit derselben Sehnsucht umzugehen: Der eine versteckt sie, der andere lacht über sich selbst.

Ich glaube, viele von uns kennen diesen Gang zum Kiosk. Wir warten auf eine Anerkennung, eine Antwort, ein Zeichen, dass wir gesehen werden. Und oft gehen wir diesen Weg allein, weil es uns peinlich ist, wie viel er uns bedeutet.

Vielleicht ist das die eigentliche Lehre der beiden Freunde: Eine Enttäuschung wird leichter, wenn man sie teilt. Und eine Freude wird grösser.

Gibt es etwas, worauf du schon lange wartest? Und mit wem würdest du zum Kiosk gehen?