Nach einer Dentalhygiene hielt ich wieder einmal eine stattliche Rechnung in der Hand. Kurz ging mir durch den Kopf, dass Zahnärzte wohl gut verdienen müssen. Trotzdem vertraue ich meinem Zahnarzt vollkommen – und das ist mir wichtiger als die Suche nach der günstigsten Praxis.

Früher war ich bei seinem Vorgänger, mit ihm war ich per Du. Leider musste er vorzeitig in Rente gehen – ein Herzinfarkt, der zum Glück rechtzeitig behandelt werden konnte. Zusammen mit Problemen im Nacken und Rücken, verursacht durch die ungünstige Arbeitshaltung, hat ihn dazu bewogen, seine Praxis vorzeitig zu verkaufen.

Ich hatte Glück mit seinem Nachfolger. Er arbeitet ebenfalls sehr exakt und mit ruhiger Hand. Ich habe absolutes Vertrauen zu ihm und bleibe ihm treu, wenigstens solange er noch nicht pensioniert ist. Ein Kunde von mir hat mir einmal einen wichtigen Rat gegeben: Man braucht drei Leute, denen man zu hundert Prozent vertrauen muss – den Garagisten, den Banker und den Zahnarzt.

Leider weiss ich nur wenig von ihm – wir sprechen kaum miteinander. Vor der Behandlung bereitet mich die Zahnarzt-Assistentin vor. Wenn er sich dann neben mich auf den Hocker setzt, trägt er schon die Maske, und ich liege flach auf der Behandlungsliege, den Absauger im Mund. Eine denkbar ungünstige Voraussetzung für ein Gespräch. Seine einzigen Worte während der Behandlung sind: "Sie können jetzt mal spülen – stört Sie etwas im Mund?" Das war's dann auch schon. Zeit für ein Gespräch hat er nicht, der nächste Patient wartet bereits pünktlich auf seine Behandlung.

Einmal habe ich ihn in der Stadt getroffen, im Café, bei einem Tee. Ich habe ihm schmunzelnd gesagt: In meinem nächsten Leben werde ich auch Zahnarzt, dann geht es mir auch so gut wie ihnen, und ich kann tagsüber gemütlich einen Tee trinken.

Seine Antwort war ziemlich überraschend: "Ja, ich verdiene zwar Geld – aber ich bin total einsam in der Praxis. Mir fehlt der Kontakt zu den Menschen. Sie spüren das ja selbst, wenn Sie bei mir in Behandlung sind – wir haben kaum Zeit für ein kurzes Gespräch."

Ich war sprachlos. Und ich wusste in diesem Moment: Geld kann Einsamkeit nicht ersetzen.

Was mich an dieser Begegnung bis heute beschäftigt: Wir stellen uns Einsamkeit oft als etwas vor, das mit Mangel zu tun hat – wenig Geld, wenig Status, wenig Erfolg. Der Zahnarzt hatte von all dem reichlich. Und trotzdem sass er, mitten in einem vollen Terminkalender, mit derselben Leere da wie die Frau im Altersheim, wie ich selbst damals in Frankfurt.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Lektion dieser ganzen Artikelserie: Einsamkeit fragt nicht nach Kontostand, Alter oder Berufsstand. Sie entsteht dort, wo echte Gespräche fehlen – und die fehlen erstaunlich oft genau dort, wo man es am wenigsten erwartet.

Der Zahnarzt hat mir ungewollt genau das bestätigt, wofür Romera steht: Es braucht keine grosse Geste, keinen Ausflug, kein teures Hobby, um Einsamkeit zu begegnen – nur einen Menschen, der Zeit für ein echtes Gespräch hat. Etwas, das er selbst sich in seinem Alltag offenbar kaum noch leisten kann.