Ich bin damals von Zürich nach Frankfurt gegangen, meiner noch jungen Karriere wegen. Kollegen und auch meine Eltern haben sich gewundert: London wäre doch die naheliegendere Wahl gewesen, Englisch zu lernen mache doch viel mehr Sinn. Und ja, das stimmte natürlich. Aber der damalige Chef der Allianz Schweiz AG war Deutscher und Vorstandsmitglied der Allianz in Frankfurt. Also schickte er mich nach Deutschland, um das "Versicherungs-Handwerk" dort kennenzulernen. Einem geschenkten Gaul schaut man bekanntlich nicht ins Maul, dachte ich mir – ich war ja noch sehr jung. Ein paar zusätzliche Diensttage im Militär hatte ich auch schon geleistet, da konnte ich die englische Sprache vermeintlich vernachlässigen.
So war ich also in Frankfurt, im Waldparkstadion untergebracht. Weit ab vom Schuss – und abends war es dort rundum vollkommen still. Ein Sportstadion, drumherum Wald. Wie sollte ich da bitte schön Leute kennenlernen? Handys gab es damals noch keine. Es gab nur den echten, direkten Kontakt zu Menschen – und die waren, obwohl sie dieselbe Sprache sprachen wie ich, unendlich weit weg.
Ein Gespräch in der Pause oder über Mittag? Fehlanzeige. Ich zog abends nach der Arbeit öfter durch die Stadt, halb aus Neugierde, halb aus Langeweile. Der Abend im abgelegenen Waldpark, in einem sehr kleinen Zimmer, war so oder so schon lang genug. Tagsüber war ich an echten Kontakten interessiert – musste aber feststellen, dass die Haltung gegenüber einem "Schweizer" nicht nur skeptisch, sondern beinahe feindselig war. Obwohl wir dieselbe Sprache sprachen, war ich von den Kollegen im sechsten Stockwerk gefühlsmässig meilenweit entfernt.
Ich hatte meinem Chef in Zürich von diesen Eindrücken erzählt – vermutlich kein Zufall, dass mich der Vorgesetzte in Frankfurt eines Tages fragte, ob ich Lust hätte, mit ihnen am kommenden Donnerstagabend in der Altstadt "Äpelwoi" zu trinken. Natürlich habe ich diese Einladung gerne angenommen.
Also ging es an diesem Donnerstagabend in die berühmte Frankfurter Altstadt. In der ersten Schenke haben wir uns hingesetzt – ich genoss die Atmosphäre und den Äpelwoi. Ein echtes Gespräch zwischen dem Chef und den Mitarbeitern kam aber nicht zustande – ich war das fünfte Rad am Wagen. Einen Hinweis bekam ich immerhin, alle anderen lachten dabei: "Einfach nie absitzen!" Damit konnte ich in dem Moment noch nichts anfangen. Also leerte ich, wie die anderen, regelmässig das stets volle Glas.
Man wechselte die Schenke, die Sonne ging unter, es blieb angenehm. Mir fiel auf, dass wir in keiner der Schenken sassen, sondern jedes Mal an einem hohen, runden Clubtisch standen. Es wurde dunkler, der Abend später – die Ersten verabschiedeten sich, mussten am nächsten Morgen früh raus. Ein Arbeitsweg von einer Stunde und mehr ist bei den Deutschen eher die Regel, ganz anders als bei uns.
Irgendwann war auch ich an der Reihe, man wünschte mir eine gute Heimfahrt und einen angenehmen Schlaf. Ich wartete aufs Tram, das mich zurück zum Waldparkstadion bringen sollte. Als es kam, war ich etwas müde, sah die freien Sitzplätze – und setzte mich hin.
Und dann kam die Bombe. Der Hinweis "einfach nie absitzen" kam mir in den Sinn – aber es war zu spät. Innerhalb kürzester Zeit wurde mir übel, es wurde mir schwindlig. So übel, dass ich bis heute nicht mehr genau weiss, wie ich in mein Zimmer gekommen bin. Von dieser Nacht fehlen mir bis heute ein paar Stunden.
Am nächsten Morgen fragte man mich freundlich, ob ich denn gut geschlafen hätte – man konnte sich das Lachen kaum verkneifen. Am Ende haben wir alle gelacht.
Das Traurige an der ganzen Sache: Dieser eine Abend war der einzige echte Kontakt zu den "Kollegen" innerhalb von sechs Monaten.
Einsamkeit ist da, und Einsamkeit tut weh – egal, in welcher Sprache.
Was mich bis heute nachdenklich macht
Was mich an dieser Geschichte bis heute nachdenklich macht: Es lag nicht an der Sprache. Wir sprachen alle Deutsch. Es lag auch nicht daran, dass ich mich nicht bemüht hätte. Es lag daran, dass echter Austausch eben nicht automatisch entsteht, nur weil man dieselbe Sprache spricht oder im selben Stockwerk arbeitet – und dass ein einziger, zufälliger Abend manchmal der einzige Anlass bleibt, den man in Monaten bekommt.
Genau diese Lücke – die zwischen "man könnte ja miteinander reden" und "es passiert einfach nie" – versucht Romera zu schliessen. Nicht mit Zufall, nicht mit einem einzigen Donnerstagabend pro halbem Jahr, sondern mit echten Menschen, die genau jetzt ein Gespräch suchen. Über was auch immer – Hauptsache, es findet statt.