Heute hat meine Arbeit um 4:45 Uhr begonnen. Kurz vor fünf Uhr bin ich aus dem Busdepot ausgefahren, es war noch dunkel, wenig Verkehr. Bei diesem Umlauf komme ich um 8:25 Uhr am Bahnhof einer kleinen Schaffhauser Gemeinde an – ich freue mich auf meine Pause, die bis 9:00 Uhr dauert. Aufstehen, mir die Beine vertreten, das tut gut nach den Stunden am Steuer.
Auf der anderen Strassenseite liegt das örtliche Altersheim, zentral, mit einem schönen Park davor. Ich nutze den Hintereingang und setze mich an einen Tisch, Zeit für einen kurzen Espresso.
Ich schaue mich um und stelle wieder fest, was mir bei diesen Besuchen immer wieder auffällt: Die Menschen hier sind betreut, versorgt, umsorgt – und trotzdem mutterseelenallein. An einem Tisch sitzen vier Frauen zusammen. Während meines ganzen Aufenthalts sprechen sie kein einziges Wort miteinander. Jeder in sich gekehrt, jeder Blick irgendwo ins Leere gerichtet.
Eine Frau, ich schätze sie über neunzig, sitzt allein an einem anderen Tisch. Ihr Teller ist noch belegt, Brötchen, Konfitüre, der Kaffee vermutlich längst kalt. Obwohl sie erst vor kurzem aufgestanden sein muss, döst sie schon wieder, die Augen geschlossen.
Dieser Anblick schmerzt mich. Ich habe noch zehn Minuten Zeit. Ich stelle mich neben sie, beuge mich hinunter und frage, ob es ihr gut gehe.
Sie öffnet die Augen, überraschend klar, und schaut mich an. Mit klarer Stimme, klarem Verstand sagt sie: Ja, es gehe ihr gut. Sie schlafe, weil ihr langweilig sei – und weil sie ohnehin nichts verpasse.
Jetzt bin ich derjenige, der überrascht ist. Und ich denke: Sie hat vermutlich recht. Je älter man wird, desto grösser wird die Einsamkeit – selbst wenn ringsum lauter gleichaltrige Menschen sitzen.
Hier hilft kein Handy, keine App, keine Technologie der Welt. Hier könnte nur ein Mensch helfen – jemand, der sich Zeit nimmt, sich hinsetzt, zuhört, ohne Eile.
Die Zeit vergeht schnell. Ich muss schon bald wieder abfahren, die Fahrgäste warten vor dem Bus. Auf meiner restlichen Fahrt habe ich immer wieder an diese Frau gedacht.
Ich hoffe, es kommt bald jemand, sie zu besuchen.